
„Technologische Souveränität bezeichnet die Fähigkeit eines Staates oder eines Staatenverbundes, eine Schlüsseltechnologie selbstbestimmt zu entwickeln, zu kontrollieren und anzuwenden“, erklärt einem die amerikanische Künstliche Intelligenz, wenn man sie fragt. Eine valide Aussage, die jedoch in einem Satz all die Probleme aufzeigt, die an diesem wenig passenden Bild – nämlich der „Unabhängigkeit im technologischen Bereich“ – hängen. Nach über drei Jahrzehnten der Globalisierung, dem Aufbau grenzüberschreitender Lieferketten und der Entwicklung staatenverbindenden Innovationen geht es plötzlich wieder um „Wir gegen die“, um Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Vorteilnahme und Abgrenzung. Es geht nicht mehr darum, gemeinsam mehr zu erreichen, sondern selbst mehr zu erreichen als jene, die als „Bedrohungen“ wahrgenommen werden und eigene anspruchsvolle Ziele verfolgen.
Die Globalisierung formte nach Ende des „Kalten Krieges“ eine ganze Branche
Mit dem Ende des „Kalten Krieges“ in den 1990er Jahren und dem damit verbundenen Ende der Blockbildung „Ost gegen West“ hatte man dieses politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Denken eigentlich schon einmal überwunden. Aus zwei politischen Systemen, die sich gegenseitig aussperrten und eigenständig weiterentwickelten, wurde ein globales Ganzes. Grenzen öffneten sich. Zusammenarbeiten wurden über Kontinente und Staaten hinweg etabliert. Die Globalisierung hielt Einzug und verschob ein weiteres Mal die Machtverhältnisse. Aus dem Kampf „USA gegen Russland“ wurde nach und nach ein wirtschaftliches Wetteifern Amerikas, Europas und Asiens. Anfangs scheinbar friedlich und im gegenseitigen Einverständnis. Stets im kommunizierten Versuch, die unterschiedlichen Kompetenzen eines jeden der drei Player für ein großes Ganzes zu nutzen. Asien wurde die Werkbank. Europa die Innovationsschmiede. Die USA der digitale Tech-Gigant. Wobei die Grenzen mehr und mehr verschwammen.
Amerika, China und Europa entfachten den „Chip Krieg“
Doch mit den zunehmenden Machtansprüchen und dem Aufschließen des ehemaligen Schwellenlandes Chinas in nahezu allen Bereichen, der Rückkehr der USA zu altem Großmachtdenken und der indifferenten Positionierung Europas zwischen diesen beiden, sich reibenden Mahlsteinen, scheinen die gemeinsamen Bestrebungen beendet. Gerade der Hochtechnologiebereich steht heute beispielhaft für den aufflammenden Kampf der nunmehr drei politischen und wirtschaftlichen Systeme – Amerika, Europa und Asien. Oder um es auf die Schlüsseltechnologie des Hightech-Bereiches herunterzubrechen, es entflammte „Der Chip Krieg“ wie es Chris Miller in seinem gleichnamigen Buch nannte bzw. entbrannte „The Game of Chips“ wie es Salah Nasri in seinem spannenden Lesestück betitelte.
Eine international stark vernetzte Branche soll kontinental unabhängig werden
Eine Technologie, die in einer globalisierten Wirtschaftswelt groß geworden war, wurde plötzlich zum Mittelpunkt von Scharmützeln und Nicklichkeiten der Weltmächte. Damit führte man die bisher kommunizierte und gelebte Realität einer globalen Halbleiter-Produktion sowie einer durchweg internationalen Branche zunehmend ad absurdum. Bis zu 80 Ländergrenzen kann ein einzelner Mikrochip auf seinem Weg vom Entwurf zum fertigen Produkt überschreiten. Bis zu 20 Länder oder die hier verorteten internationalen Player arbeiten in diesem Prozess aktiv mit. Und trotzdem herrscht die politische Meinung, nicht nur in Europa, man könnte sich im Bereich dieser Schlüsseltechnologie unabhängig, souverän, gar autonom machen. Es ist, als würde man sich dafür entscheiden, im Bereich des Klimas oder Wetters eigene Wege gehen zu wollen: „Macht ihr mal ruhig Sonne. Wir setzen lieber auf Regen“.
Dabei ist alles miteinander und untrennbar verflochten. Der politische Versuch, das eigene Land oder den eigenen Staatenverbund unabhängiger zu machen, löst in Wirtschaft und Industrie allenfalls ein genervtes Lächeln aus. Unternehmen aus unterschiedlichsten Ländern haben über Jahrzehnte Lieferketten, Zusammenarbeiten und damit – negativ betrachtet – Abhängigkeiten aufgebaut. Und plötzlich sollen eben diese international agierenden Player, ob amerikanische, europäische oder asiatische, mit ihren in Nationalstaaten platzierten Dependenzen die Souveränität eines einzelnen Landes oder einer Wirtschaftsunion sicherstellen?
Es werden Vorzugsrechte auf Produkte festgelegt, Lieferbeschränkungen angeordnet und Zusammenarbeiten für jene Unternehmen reglementiert, die sich auf dem eigenen Hoheitsterritorium befinden. Die USA und China übertrafen sich zuletzt in diesen Bestrebungen. Rohstoffe (z.B. seltene Erden), Maschinen, Anlagen und Technologien wurden zum politischen Spielball. Ein wirtschaftliches Ärgernis für erfolgsverwöhnte Konzerne. Viel wichtiger aber noch, ein Irrsinn im weiten Feld der globalen Herausforderungen – von Klimawandel bis Überbevölkerung.
Immer mehr Initiativen, Programme und Allianzen fluten die kontinentalen Märkte
Inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der die drei globalen Kontrahenten nicht neue Initiativen, Programme, Fördertöpfe, Projekte, Blockadeversuche oder Allianzen im Bereich der Mikroelektronik herausbringen oder schmieden. Ob öffentlich oder hinter verschlossenen Türen, vielerorts wird daran gearbeitet, das eigentlich Untrennbare aufzuschlüsseln, neu zu denken, abzugrenzen und damit langfristig für die eigenen Zwecke eigenständiger sowie unabhängiger zu machen. Was nach Diversifizierung klingt, ist eher ein Zerfasern des lange Etablierten. Es gibt viele Ideen und Ansätze, doch gerade in Europa leider wenig Koordination, Expertise und Transparenz. Die Politik wird so zum Hemmschuh für Wirtschaft, Industrie und internationale Zusammenarbeit. Der Versuch, das eigene Territorium voranzubringen, wird zur Gefahr für alles, was über 30 Jahre Globalisierung in der Halbleiterei aufgebaut wurde.
Europa und Deutschland verfolgen unklare Ziele mit fragwürdigen Mitteln
Europa und Deutschland sind hier hervorragende Beispiele für ein diffuses und unkoordiniertes Handeln. So traten die Europäische Union, Deutschland und weitere Staaten am 27. Juni dem Bündnis „Pax Silica“ bei. Dieses vom US-Außenministerium koordinierten Bündnis zur Absicherung der KI- und Halbleiter-Lieferketten, soll Chinas Dominanz entgegenwirken. 24 Staaten sind inzwischen an Bord. So informierte die Niederlande nach ihrem Beitritt offen und unmissverständlich über ihren Beitritt und richtete auch klare Forderungen an die USA. Aus Deutschland hörte und las man – bis auf einen kurzen LinkedIn-Beitrag der Deutschen Botschaft in Washington – bis heute nichts zum deutschen „Pax Silica“-Beitritt, den eigenen Forderungen oder Intentionen.
Dabei haben die USA mit dem MATCH Act zuletzt ein bedenkliches Konstrukt auf den Weg gebracht, das nach seiner Verabschiedung auch direkten Einfluss auf die Zusammenarbeit in Pax Silica und anderen internationalen Verbunden haben könnte. Exportverbote (u.a. für DUV-Lithografie) in Richtung China, chinesische Unternehmen auf Restriktionslisten, der Zwang von Verbündeten diese und weitere Richtlinien binnen 150 Tage zu befolgen oder ihrerseits Restriktionen zu erfahren, zeigen die Gemengelage, in die man sich hier sehenden Auges begibt. Sieht so Souveränität oder neue Abhängigkeit aus? Es wäre so wichtig, als Mitgliedsstaat in Allianzen wie Pax Silica klare Kante zu zeigen und sich nicht geräuschlos unterzuordnen. Doch die Entscheidung des Bundes und weiten Teilen Europas ist eine andere.
Ja, auf europäischer und deutscher Ebene fehlen derzeit ein klarer Plan und eine nachvollziehbare Handlungsweise. Ein weiteres Beispiel gefällig? Am 9. Juli vereinte in Brüssel die CHIPDIPLO-Konferenz unter dem Titel „Semiconductors Under Geopolitical Stress: From Global Shocks to the European Chips Act 2.0“ Expert:innen aus Wirtschaft, Industrie, Verbänden, Politik und darüber hinaus. Am selben Tag fand zeitgleich der Start des neuen EU-Projektes ICOS² („International Cooperation on Semiconductor Innovation and Supply Resilience“) bei Tyndall in Irland statt. Zwei Events zum selben Thema finden an ein und demselben Tag statt. Beide gehen ihren eigenen Weg, sind nicht aufeinander abgestimmt oder scheinbar überhaupt im Bilde, dass es die jeweils andere Bestrebung gibt.
Von Sachsen bis Europa – viele Köche verderben den Halbleiter-Brei
Es gibt Strategien, von der sächsischen über die deutsche bis zur europäischen Halbleiterstrategie. Es gibt Allianzen – von Region wie die European Semiconductor Regions Alliance (ESRA) bis zu Blöcken wie Pax Silica. Es gibt Fördertöpfe, von lokalen Aufbaubanken wie der SAB über nationale Initiativen wie den Important Projects of Common European Interest (IPCEI) bis zu kontinentalen Initiativen wie dem europäischen Chips Act 2.0. Ministerien auf Bundesländerebene, auf Ebene der Nationalstaaten bis zu Staatenverbunden wie der Europäischen Union treiben dieselben oder sehr ähnliche Themen mit großen Schnittmengen parallel, aber trotzdem eigenständig voran. Es ist ein Wust aus Meinungen, Möglichkeiten und Herangehensweisen. Oder wie der Volksmund es wohl mutmaßen würde: „Viele Köche verderben den Brei“.
Wie will man so die volle Wirkung entfalten bzw. zielgerichtet als Kontinent oder Staatenallianz in einem komplexen Themenfeld wie der Mikroelektronik zusammenarbeiten? Dass es anders geht, zeigen Beispiele wie die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). Über 50 Volkswirtschaften haben in diesem Rahmen mehrere fundierte Papiere vorgelegt (u. a. „Vulnerabilities in the Semiconductor Supply Chain“, „Mapping the Semiconductor Value Chain“) und zeigen im größeren Maßstab, dass globale Zusammenarbeit weiterhin möglich ist. Es ist ein Gegenentwurf zum Blockdenken „Ost gegen West“ bzw. „Europa gegen USA gegen China“. Multilateral, datengetrieben und offen sucht man hier Lösungen, die nicht an Ländergrenzen oder Kontinenten enden. Einen Haken gibt es aber auch hier – China ist nicht Teil der OECD.
Unser Fazit
Die Mikroelektronik ist als Schlüsseltechnologie ein außenpolitisches Thema und gehört transparent kommuniziert sowie eingeordnet, das gilt es zu verinnerlichen. Hier ist es mehr als irgend sonst wichtig, klare Positionen zu besetzen, Dinge im globalen Maßstab zu denken und die Gegebenheiten einer ganzen Branche nicht zu verkennen. Lieferketten und Abhängigkeiten lassen sich nicht auf Knopfdruck und politischen Wunsch hin ändern. Viel wichtiger ist der Diskurs mit Partnern aber auch politischen Gegenspielern. Am Ende sind alle Seiten in unterschiedlichen Ausprägungen aufeinander angewiesen bzw. müssen sich den Umständen einer komplex vernetzten Branche anpassen. „Viel hilft viel“, ist jedenfalls keine sinnvolle Herangehensweise. So gut es ist, sich um Initiativen, Förderung, Allianzen und damit die Zusammenarbeit zu kümmern, so wichtig ist es auch, all das sinnvoll zu koordinieren und in eine wirkungsvolle Richtung zu lenken. Verschiedene Ansätze, die das Gleiche oder sogar Selbe zu erreichen versuchen, können nicht das Optimum erzeugen. Schlussendlich muss Mikroelektronik wieder größer und globaler gedacht werden. Will sich Europa nicht langfristig zwischen chinesischen und amerikanischen Interessen zerreiben lassen, muss es Wege aus dem Blockdenken herausfinden.
Unsere Empfehlung: Der kommende Podcast „What‘s chippening“ mit Jan-Peter Kleinhans
Einen Teil dieser Initiativen, wird Silicon Saxony Geschäftsführer Frank Bösenberg in unserem am Freitag als Sonderfolge erscheinenden Podcast „What‘s chippening“ mit Jan-Peter Kleinhans, einem langjährigen Mikroelektronik-Analysten der Stiftung Neue Verantwortung bzw. interface und heutigem OECD-Experten besprechen. Was Herr Kleinhans vor fünf Jahren in seiner Rolle als Analyst dokumentierte – z.B. die geopolitische Verwundbarkeit der Halbleiter-Wertschöpfungskette und die fehlende Fertigung in Europa, ist heute bittere Realität. Entsprechend gespannt dürfen Sie sein, welche gangbaren Wege Herr Kleinhans für Europa und die Welt in Aussicht stellt. Hören Sie rein. Es lohnt sich!
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Weiterführende Links
Pax Silica
Offizielle Seite US-Außenministerium
State-Department-Meldung zum Gipfel/Initiative
EU/Deutschland-Beitritt (Euronews)
Niederlande (kommunikatives Gegenbeispiel)
Pressemitteilung der niederländischen Regierung mit Minister-Zitat
Beitritt trotz Widerstand gegen MATCH Act (Tom’s Hardware)
MATCH Act
Gesetzestext S.4281 (Congress.gov)
Einordnung DUV-Exportkontrollen (Tom’s Hardware)
Analyse „Industrial Policy Dressed as National Security“ (R Street)
ChipDiplo-Konferenz Brüssel
Konferenz „Semiconductors Under Geopolitical Stress“ (CSDS): Semiconductors Under Geopolitical Stress: From Global Shocks to the European Chips Act 2.0 – CSDS
Projektseite Institut Montaigne
EU-Meldung zur CHIPDIPLO-Auswahl
ICOS² / Tyndall
Projektseite (vorläufer: HOME ICOS 2 – ICOS Semiconductors)
Tyndall-Meldung zum Kickoff: ICOS² Project Launches to Strengthen Europe’s Semiconductor Resilience and Global Partnership
OECD SIEN
„Vulnerabilities in the Semiconductor Supply Chain“
„Mapping the Semiconductor Value Chain“
Gemeinsame Taxonomie / Hintergrund
Kleinhans-Paper 2021 (SNV / interface)
„Geopolitics of the Global Semiconductor Value Chain“
„The lack of semiconductor manufacturing in Europe“ (April 2021)
Podcast
„What’s Chippening“
Foto: erstellt mit Künstliche Intelligenz