Unternehmertum

Wer tief gräbt, braucht langen Atem – und andere Schaufeln

Glück auf. In Teilen Sachsens grüßt man sich noch immer so. Der Gruß stammt aus dem Erzbergbau, der über Jahrhunderte den Reichtum ganzer Regionen begründet hat. Wer tief grub, wurde reich. Nicht schnell, nicht einfach, aber nachhaltig. DeepTech im ursprünglichsten Sinne. Die Idee dahinter erlebt in Sachsen, Deutschland und Europagerade gerade ein Comeback und zwar im Bereich das DeepTech-Startups.

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Glück auf. In Teilen Sachsens grüßt man sich noch immer so. Der Gruß stammt aus dem Erzbergbau, der über Jahrhunderte den Reichtum ganzer Regionen begründet hat: Freiberg, Annaberg, das Erzgebirge. Silber, Zinn, Kobalt: Wer tief grub, wurde reich. Nicht schnell, nicht einfach, aber nachhaltig. DeepTech im ursprünglichsten Sinne. Die Zeiten sind vergangen. Manche dieser Regionen gehören heute zu dem, was man strukturschwach nennt. Aber der Geist, dass Wohlstand aus der Tiefe kommt, aus Ingenieurskunst, aus Materialkenntnis, aus der Bereitschaft, lange zu bohren, bevor man etwas findet – der ist geblieben. Und er erlebt gerade ein Comeback, auch wenn die sächsische Bescheidenheit dafür sorgt, dass das nicht überall bekannt ist.

Deutschland unterscheidet bei Startups nach Branchen, aber nicht nach Innovationstiefe

Deutschland feiert ein Gründungs-Rekordjahr: 3.568 Startups wurden 2025 gegründet, ein Plus von 29 Prozent. Der Software-Sektor dominiert die Statistik mit über 850 Neugründungen, getrieben vor allem durch KI-Geschäftsmodelle. Sachsen legte um 56 Prozent zu, stärker als jedes andere Bundesland. Aber welchen Anteil daran machen DeepTech-Gründungen aus? Das weiß niemand so genau, weil es schlicht nicht erhoben wird. Die Zahlen des Startup-Verbandes unterscheiden nach Branchen, aber nicht nach der Tiefe der Innovation. Ein SaaS-Tool, das in drei Monaten am Markt ist, und ein Halbleiter-Startup, das Jahre und Millionen Euro braucht, bevor die ersten Chips in Systemen verbaut sind: Beides zählt als „Gründung“. Beides wird gleich bewertet. Gleich gezählt. Gleich übersehen?

Die Seed-Runde für ein Hardware-Startup liegt im Median bei 5 Millionen Euro

Dabei sprechen die europäischen Zahlen eine deutliche Sprache: 32 Prozent des gesamten Venture Capital flossen 2025 in DeepTech – über 20 Milliarden Euro, ein Rekordwert. Deutsche DeepTech-Startups sammelten 2,5 Milliarden Dollar ein, ein Anstieg um fast 39 Prozent. Der Markt hat verstanden, was die Statistik noch nicht abbildet: Wer tief innoviert, baut Technologien, die nicht kopierbar sind. Der Return kommt nicht in 18 Monaten, aber er kommt mit einem strategischen Hebel, den keine App-Gründung bieten kann. Wie groß die globale Lücke dennoch bleibt, zeigt ein Blick auf die 30 am stärksten finanzierten Halbleiter-Startups weltweit: Rund zwei Drittel stammen aus den USA, Europa ist mit einer Handvoll britischer und niederländischer Unternehmen vertreten. Ein deutsches Startup sucht man vergeblich. Die Schwerpunkte der Finanzierung liegen auf KI-Inferenz, Chiplets und optischer Vernetzung; die Unternehmen sind durchweg fabless und setzen vielfach auf RISC-V. Europa ist stark in Forschung und Ausrüstung, aber bei der Skalierung von Chip-Startups zu Global Playern fehlt noch der entscheidende Schritt. Denn eine Seed-Runde für ein Hardware-Startup liegt im Median bei 5 Millionen Euro. Für Software reicht ein Bruchteil davon. DeepTech-Finanzierung folgt einer anderen Logik – mit anderem Zeithorizont, anderem Risikoprofil und anderer Exit-Strategie. Das muss in Förderstrukturen und Bewertungsmaßstäben endlich ankommen.

Sachsen hat inhaltlich viel zu bieten ist aber noch zu wenig sichtbar

Die Nominierten des Sächsischen Staatspreises für Gründen 2026 zeigen exemplarisch, was in diesem Ökosystem entsteht: Leaftronics entwickelt recycelbare Leiterplatten für die Kreislaufwirtschaft, FlexPower druckbare lithiumfreie Energiespeicher, Bio SAW akustische Sensorplattformen für die Kardiologie. 116 Bewerbungen, neun Finalisten. FutureSAX verleiht den Preis am 17. Juni in Dresden.

Das sind keine Geschäftsmodelle, die man in einem Accelerator-Quartal validiert. Sie entstehen in Jahren. Und zwar in Laboren und im engen Austausch mit Universitäten und Forschungsinstituten wie Fraunhofer oder Helmholtz. Sachsen bietet dieses Umfeld nicht, weil es gerade en vogue, sondern weil es kontinuierlich gewachsen ist. Über Jahrzehnte, wie die Halbleiter- und auch die Softwareindustrie, die hier nicht erst angekündigt werden muss, sondern seit Langem produziert bzw. programmiert. Mit boOst, der Startup Factory für Mitteldeutschland, entsteht zudem eine neue Struktur, die genau diese forschungsnahen Gründungen systematisch fördern soll. Nachvollziehbarerweise mit einem Schwerpunkt auf Mikroelektronik, Medizintechnik und Photonik und dem erklärten Ziel, die Zahl wissensbasierter Startups in Sachsen und Thüringen bis 2030 zu verdoppeln.

Wer dann auf die German Startup Awards 2026 schaut, reibt sich die Augen: Unter den 24 Finalisten dominieren Berlin und München. Auffällig einseitig. Sachsen fehlt. Nicht, weil hier niemand gründet, sondern weil die Bewertungskriterien auf schnelle Skalierung und mediale Sichtbarkeit optimiert sind. Wer in Sachsen oder anderswo in Deutschland an der nächsten Generation von Leistungselektronik arbeitet, passt scheinbar nicht in ein Pitch-Format, das auf SaaS-Metriken und dreiminutige Elevator Pitches ausgelegt ist. Die sächsische Bescheidenheit tut ihr Übriges: Hier wird lieber im Reinraum gearbeitet als auf der Bühne performt. Das ist eine Stärke – aber eine, die man trotzdem sichtbar machen muss. Und ja, das kann man durchaus auch als Selbstkritik am Silicon Saxony werten.

Die gute Nachricht: Förderstrukturen ziehen nach

Abseits der großen zentralen Plattformen und des zweifelsfrei beachtenswerten Hotspots Berlin wächst eine Landschaft von Formaten und Programmen, die genau diese Funktion des Sichtbarmachens erfüllen, zugeschnitten auf Hardware-Innovation und DeepTech. Dass das SpinLab in Leipzig für die Global Startup Awards in der Kategorie Westeuropa nominiert ist und im Financial Times Ranking der europäischen Startup Hubs auf Platz 2 in Deutschland steht, zeigt: Die Substanz ist da, und nicht nur in Dresden, sie muss nur in die richtigen Schaufenster. Wie Eric Weber, SpinLab-Gründer, im Startup Insider Podcast treffend analysiert: Die Frage ist nicht, wer die meisten Startups produziert, sondern welche Qualitätsmetriken wir anlegen. Startups mit signifikanten Mitarbeiterzahlen und organischem Wachstum zählen anders als schnell skalierte Pitch-Deck-Unternehmen. Das aCCCess Chips Venture Forum bringt im Herbst Halbleiter-Startups gezielt mit Investoren und Industrie-Entscheidern zusammen, in Bordeaux und bei der SEMICON Europa in München. Bewerbungsschluss ist der 12. Mai.

Besonders im Bereich Startups und Halbleiter ist eine verstärkte Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland sichtbar – zu Recht.

Die EU Chips Design Platform EuroCDP stellt europäischen Fabless-Startups erstmals systematisch Zugang zu Design-Tools, Fertigungskapazitäten und Finanzierung bereit — eine Infrastruktur, die bisher nur den Großen vorbehalten war.

Bei den Silicon Saxony Days im Juni wird das Thema Startup-Ökosystem gleich doppelt adressiert: durch ignite Next, Europas neues Scale-up-Programm für DeepTech — geboren aus der Erfahrung von Intel Ignite, unterstützt von Infineon, Intel und Synopsys — und durch Infineons Robotics Startup Challenge, die gezielt nach Lösungen für humanoide Robotik sucht — von virtueller Haut und Sensorhänden über Umgebungserfassung mit Radar und Kamerasystemen bis hin zu neuen Motorsteuerungstechnologien. Bewerbungen sind noch bis zum 27. Mai möglich. Dass gerade in der humanoiden Robotik zentrale Halbleiterkompetenzen zusammenlaufen — Sensorfusion, Edge AI, Leistungshalbleiter, echtzeitfähige Systemarchitekturen —, macht das Thema zu einem natürlichen Bindeglied zwischen Sachsens Chipindustrie und der nächsten Generation von Startups. Das sind Formate, die zu der Art von Unternehmertum passen, die in Sachsen entsteht: kapitalintensiv, forschungsnah, langfristig angelegt.

Dass es dabei nicht nur um kleine Nischen geht, zeigt der Blick nach Frankreich: Mistral investiert 830 Millionen US-Dollar in ein eigenes KI-Rechenzentrum nahe Paris mit 13.800 Nvidia-GPUs für Training und Betrieb großer KI-Modelle. Das Vorhaben steht für den wachsenden europäischen Willen, KI-Infrastruktur selbst aufzubauen, aber auch für den enormen Kapitalbedarf, der damit verbunden ist. Und er zeigt: DeepTech in Europa ist kein Randthema mehr, es wird zur industriepolitischen Notwendigkeit.

Im Erzgebirge wussten sie: Wer tief gräbt, braucht nicht nur einen langen Atem sondern auch andere Schaufeln als der, der an der Oberfläche Gold wäscht. Für Sachsens DeepTech-Startups gilt dasselbe. Die Gründungen sind da. Die Infrastruktur ist da. Was jetzt kommen muss, sind die Instrumente, die Metriken, die Investorenstrukturen und die Sichtbarkeit, die diesem Unternehmertum gerecht werden. Nicht als Mitleidsbonus. Sondern als Anerkennung einer Gründungskultur, die von Anfang an auf Tiefe setzt. In diesem Sinne: Glück auf und wie immer freuen wir uns über Ihr Feedback, Ihr Frank Bösenberg.

🎧 Mehr Informationen zu diesen Themen hören Sie auch in Folge 64 unseres Podcast „What’s Chippening“  

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