22.10.2026. Deutschland nutzt seine technologischen Stärken noch zu wenig
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Die neue Analyse von Anita Wölfl, Fachreferentin am ifo Zentrum für Innovationsökonomik und Digitale Transformation, zeigt einerseits Deutschlands Bedeutung in globalen Wertschöpfungsketten und zugleich, warum die Stärkung von KI, Software und heimischer Nachfrage für den EU Chips Act 2.0 entscheidend wird.
Wie groß ist der tatsächliche wirtschaftliche Beitrag der deutschen Halbleiterindustrie? Und wo entsteht die Wertschöpfung, die durch deutsche Chips ermöglicht wird? Diesen Fragen geht eine neue Studie des ifo Instituts nach. Die am 14. Oktober 2026 veröffentlichte Untersuchung „Der weltweite Halbleiterfußabdruck“ vergleicht Deutschland mit den USA und betrachtet erstmals in dieser Form nicht nur die unmittelbare Nachfrage nach Halbleitern, sondern auch deren indirekte Bedeutung entlang internationaler Produktions- und Lieferketten. Das Ergebnis: Deutschland ist in der globalen Halbleiterindustrie stärker positioniert, als es manche direkten Marktvergleiche vermuten lassen. Gleichzeitig bleiben erhebliche wirtschaftliche Potenziale im Inland ungenutzt.
Halbleiter stecken heute nicht nur in Smartphones, Computern oder Fahrzeugen. Sie ermöglichen moderne Industrieanlagen, intelligente Stromnetze, medizinische Geräte, digitale Dienstleistungen und Anwendungen künstlicher Intelligenz. Ihr wirtschaftlicher Beitrag reicht deshalb weit über die eigentliche Chipproduktion hinaus.
Genau hier setzt die Untersuchung an. Sie verfolgt, wie Halbleiter über mehrere Stufen internationaler Wertschöpfungsketten zur Herstellung von Produkten und Dienstleistungen beitragen und wo diese letztlich nachgefragt werden. Ein in Deutschland produzierter Chip kann beispielsweise in eine Maschine eingebaut werden, die anschließend in den USA zum Einsatz kommt. Sein Wertschöpfungsbeitrag entsteht damit auch außerhalb Deutschlands.
Der sogenannte Halbleiterfußabdruck bildet diese direkten und indirekten Zusammenhänge ab. Damit erweitert die Studie den Blick auf die wirtschaftliche Bedeutung der Halbleiterindustrie und liefert zugleich eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung der europäischen Halbleiterstrategie.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die international starke Stellung der deutschen Halbleiterindustrie. Ihr Beitrag zur weltweiten Konsum- und Investitionsnachfrage erreicht über alle Wertschöpfungsstufen hinweg rund ein Siebtel des entsprechenden US-amerikanischen Beitrags.
Dabei unterscheiden sich die Strukturen deutlich: Während die US-Halbleiterindustrie in erheblichem Umfang vom eigenen Binnenmarkt profitiert, ist die deutsche Industrie wesentlich stärker exportorientiert.
Besonders ausgeprägt ist dieser Unterschied bei Maschinen und Kraftwagen. Hier liegt der gesamte weltweite Wertschöpfungsbeitrag deutscher Halbleiter jeweils mehr als fünfmal so hoch wie der Beitrag zur entsprechenden Nachfrage im Inland. In der Informations- und Kommunikationstechnik zeigt sich ein ähnliches Bild.
Bemerkenswert ist insbesondere der Bereich IT-Dienstleistungen. Betrachtet man ausschließlich die inländische Nachfrage, ist der Wertschöpfungsbeitrag der US-Halbleiterindustrie rund 23-mal so hoch wie der deutsche. Bezieht man dagegen die weltweite Nachfrage ein, reduziert sich dieses Verhältnis auf etwa sieben zu eins.
Die deutsche Halbleiterindustrie ist damit international wettbewerbsfähig, profitiert aber vergleichsweise wenig von der Entwicklung und Nutzung neuer digitaler Technologien im eigenen Land.
Als wesentlichen Grund für diese Entwicklung identifiziert die Studie die unterschiedlich starke Verbreitung datengetriebener Technologien. Insbesondere künstliche Intelligenz, Cloud-Computing und leistungsfähige Rechenzentren treiben die Nachfrage nach modernen Halbleitern.
Die USA verfügen dabei über einen erheblichen Vorsprung. Nach den in der Studie verwendeten Schätzungen entfallen rund 75 Prozent der weltweiten Hochleistungsrechenkapazität für moderne KI-Anwendungen auf die Vereinigten Staaten, weitere 15 Prozent auf China.
In Deutschland entwickelt sich die Nutzung von KI dagegen vergleichsweise langsam. Laut Eurostat setzten 2025 gut 26 Prozent der deutschen Unternehmen mindestens eine KI-Technologie ein. Damit lag Deutschland im europäischen Vergleich auf Rang neun.
Für die Halbleiterindustrie hat diese Entwicklung unmittelbare Folgen. Denn mit neuen KI-Anwendungen wächst nicht nur die Nachfrage nach besonders leistungsfähigen Prozessoren und Speicherchips. Auch Leistungshalbleiter, Sensoren, Kommunikationschips sowie Analog- und Mixed-Signal-Technologien werden benötigt, etwa für Stromversorgung, Kühlung und Steuerung moderner Rechenzentren oder industrieller KI-Systeme.
Gerade in diesen Bereichen besitzen europäische Hersteller besondere Stärken. Die Studie verweist unter anderem darauf, dass europäische Unternehmen bei Leistungshalbleitern weltweit führend sind und 2024 gemeinsam einen Marktanteil von rund 40 Prozent erreichten.
Aus den Ergebnissen leitet die Studie mehrere Handlungsfelder ab, um die Verbreitung moderner Technologien und damit auch die Nachfrage nach Halbleitern zu stärken.
KI und Digitalisierung schneller in die Anwendung bringen
Unternehmen benötigen klarere und möglichst bürokratiearme Regeln für Datenschutz, Datenverfügbarkeit und den Einsatz künstlicher Intelligenz. Auch die öffentliche Verwaltung kann durch die Bereitstellung von Daten und den Einsatz innovativer Technologien zusätzliche Impulse setzen.
Start-ups und Technologietransfer stärken
Junge Unternehmen können neue Anwendungen entwickeln und Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Produkte überführen. Dafür braucht es bessere Finanzierungsbedingungen und einen leistungsfähigeren Wagniskapitalmarkt.
Investitionen in neue Technologien erleichtern
Insbesondere bei Wagniskapital besteht erheblicher Nachholbedarf. Während entsprechende Investitionen in Deutschland 2025 rund 0,16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachten, lag der Anteil in den USA bei etwa 0,9 Prozent.
Halbleiterindustrie und Anwenderbranchen stärker verbinden
Neue Chiptechnologien sollen frühzeitig gemeinsam mit ihren potenziellen Abnehmern entwickelt werden. Dadurch können Innovationen schneller in wirtschaftlich relevante Anwendungen gelangen.
Diese Empfehlungen stehen auch in engem Zusammenhang mit dem EU Chips Act 2.0. Anders als bei der ersten Fassung des europäischen Halbleitergesetzes soll künftig nicht allein die Schaffung neuer Fertigungskapazitäten im Mittelpunkt stehen. Vielmehr sollen die Nachfrage nach Chips, innovative Anwendungen und die Zusammenarbeit zwischen Halbleiterunternehmen und Anwenderindustrien gezielt gestärkt werden.
Aus Sicht von Silicon Saxony bestätigt die Studie die Bedeutung einer Halbleiterstrategie, die über den Ausbau von Fertigungskapazitäten hinausgeht. Der europäische Standort verfügt über international wettbewerbsfähige Kompetenzen in Mikroelektronik, Software, Forschung und industriellen Anwendungen. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass sich diese Stärken noch enger miteinander verbinden lassen.
Dabei lohnt ein differenzierter Blick auf die Frage der Nachfrage. Europa nutzt bereits heute in großem Umfang digitale Technologien, Smartphones, Cloud-Dienste und Rechenleistung. Allerdings werden wesentliche Teile der dafür erforderlichen Technologien und Infrastrukturen von außereuropäischen Unternehmen bereitgestellt.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht ausschließlich darin, neue Nachfrage zu erzeugen. Europa muss stärker daran arbeiten, bereits vorhandene und künftig entstehende Nachfrage durch eigene Technologien, Unternehmen und Wertschöpfungsketten zu bedienen.
Dafür bieten insbesondere industrielle KI-Anwendungen und die sogenannte Physical AI große Chancen. Europa verfügt über eine starke industrielle Basis, etwa in Automatisierung, Maschinenbau, Mobilität und Robotik und damit auch einen wertvollen Datenschatz. Werden diese Kompetenzen und Daten mit europäischer Mikroelektronik und Software verbunden, können neue Märkte und Anwendungen entstehen.
Gleichzeitig sollte sich die europäische Halbleiterstrategie nicht ausschließlich auf diese traditionellen Stärken konzentrieren. Auch der Ausbau eigener KI-Rechenkapazitäten und digitaler Infrastrukturen eröffnet erhebliche Marktpotenziale. Initiativen wie die geplanten europäischen AI Gigafactories können zusätzliche Nachfrage schaffen und die Voraussetzungen dafür verbessern, dass mehr digitale Wertschöpfung in Europa entsteht.
Für Silicon Saxony zeigt sich damit ein wesentliches Handlungsfeld des EU Chips Act 2.0: Eine erfolgreiche Halbleiterstrategie muss Produktion, Chipdesign, Software, digitale Infrastruktur und industrielle Nachfrage gemeinsam betrachten. Nur so lassen sich technologische Stärken langfristig in wirtschaftliches Wachstum und größere technologische Handlungsfähigkeit übersetzen.
Die Untersuchung „Der weltweite Halbleiterfußabdruck – Am Beispiel von zwei Ländern und Branchen illustriert“ wurde von Anita Wölfl, Fachreferentin am ifo Zentrum für Innovationsökonomik und Digitale Transformation, verfasst. Sie erschien am 14. Oktober 2026 in der Reihe ifo Schnelldienst digital (Ausgabe 20/2026).
Die Analyse entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Ökonomik der Halbleiterindustrie“, das von Infineon Technologies finanziell unterstützt wird. Laut Publikation liegt die inhaltliche Verantwortung ausschließlich bei der Autorin; die Ergebnisse geben nicht zwangsläufig die Position von Infineon wieder.
Das ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V. gehört zu den führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten Deutschlands. Es untersucht wirtschaftliche Entwicklungen und politische Handlungsoptionen und stellt seine Forschungsergebnisse Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit zur Verfügung.
👉 Zur vollständigen Studie: Der weltweite Halbleiterfußabdruck – ifo Institut (PDF)
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