
Fundamentale Erhaltungsgrößen wie Energie, Impuls und der Drehimpuls bestimmen die Gesetze unserer Natur. Diese Größen bleiben in einem abgeschlossenen System stets erhalten und können weder erzeugt noch vernichtet, sondern nur umgewandelt oder übertragen werden. Während der Drehimpuls im Alltag etwa bei rotierenden Karussells oder beim Fahrradfahren anschaulich wird, spielt er auf Quantenebene eine zentrale Rolle – unter anderem als Ursprung des Magnetismus.
Ein lange offenes Rätsel der Physik
Bereits vor über 100 Jahren beobachteten Albert Einstein und Wander Johannes de Haas in einem berühmten Experiment, dass eine messbare Drehbewegung auslöst wird, wenn sich die Magnetisierung eines Materials ändert – und damit, dass magnetischer und mechanischer Drehimpuls miteinander verknüpft sind. Seitdem beschäftigt Forschende die Frage, wie sich der dabei entstehende Drehimpuls im Inneren eines Festkörpers verteilt, also wie er über das Kristallgitter – die regelmäßige Anordnung der Atome – weitergegeben wird.
Nun ist es einem internationalen Team von Physiker*innen aus Berlin, Dresden, Jülich und Eindhoven gelungen, diesen Prozess erstmals direkt zu beobachten. Die Forschenden zeigen, wie der Drehimpuls zwischen verschiedenen Gitterschwingungen – kollektiven Bewegungen der Atome im Kristall – übertragen wird. Damit liefern sie eine wichtige Grundlage, um zu verstehen, wie sich Magnetismus in Festkörpern einstellt und stabilisiert.
Gezielte Kontrolle des Drehimpulses mit Terahertz-Laserlicht
Darüber hinaus konnte das Team die Drehrichtung atomarer Kreisbewegungen mithilfe ultrastarker Laserimpulse im Terahertz-Spektralbereich gezielt kontrollieren. Diese unsichtbaren Laserimpulse steuern eine bestimmte Gitterschwingung auf eine Kreisbahn, während ein zweiter ultrakurzer Laserimpuls eine andere gekoppelte Schwingung des Kristalls abtastet. Dabei zeigte sich ein überraschender Effekt: Beim Übergang zwischen diesen Schwingungen kehrt sich die Richtung des Drehimpulses um.
Ursache dafür ist die besondere Rotationssymmetrie des Kristallgitters: Bestimmte Drehzustände sind darin physikalisch gleichwertig, auch wenn sie entgegengesetzte Drehrichtungen haben. Die experimentelle Beobachtung stellt damit einen direkten quantenmechanischen „Fingerabdruck“ der Drehimpulserhaltung im Festkörper dar.
Für das untersuchte Quantenmaterial Bismutselenid zeigt sich daher ein ungewohntes Bild: Die an die Gitterschwingungen gebundenen Drehimpulse – sogenannte Gitterdrehimpulse – können sich so kombinieren, dass eine Rotation mit doppelter Frequenz, aber umgekehrter Drehrichtung entsteht. Anschaulich entspricht dieses „1 + 1 = −1“ einem sogenannten Umklapp-Prozess, bei dem sich die Bewegungsrichtung durch die Symmetrie des Kristallgitters gewissermaßen umkehrt. Ein solcher Prozess konnte nun erstmals experimentell für Gitterdrehimpulse nachgewiesen werden.
„Ich finde es außerordentlich ästhetisch, wie physikalische Gesetze direkt durch die Symmetrien der Natur vorgegeben werden“, sagt Olga Minakova, Doktorandin am Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft und federführende Experimentalphysikerin der Studie. Sebastian Maehrlein, Abteilungsleiter am Institut für Strahlenphysik des HZDR, Professor an der TU Dresden und Leiter der Studie, ergänzt: „Für mich sind das außergewöhnlich spannende Ergebnisse. Wir haben hier etwas fundamental Neues entdeckt, das hoffentlich in die Lehrbücher eingehen wird.“
Langfristig ebnen die Ergebnisse den Weg für die gezielte Steuerung ultraschneller Prozesse in Quantenmaterialien und könnten so neue Impulse für zukünftige Informationstechnologien und innovative Datenspeicher liefern.
Beteiligte Institute
Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft (Berlin), Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf, Technische Universität Dresden, Forschungszentrum Jülich, Technische Universität Eindhoven (Niederlande)
Mehr erfahren
Nature Physics – News & Views: Preserved rotations in solids
Publikation
O. Minakova, C. Paiva, M. Frenzel, M. S. Spencer, J. M. Urban, C. Ringkamp, M. Wolf, G. Mussler, D. M. Juraschek, S. F. Maehrlein: Observation of angular momentum transfer among crystal lattice modes, in Nature Physics, 2026. (DOI: 10.1038/s41567-026-03274-8)
Weitere Informationen
Prof. Sebastian F. Maehrlein | Leiter Hochfeld-THz getriebene Phänomene
Institut für Strahlenphysik am HZDR
Tel.: +49 351 260 2240 | E-Mail: s.maehrlein@hzdr.de
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Weiterführende Links
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Foto: O. Minakova/ S.F. Maehrlein/ B. Schröder/ HZDR