Es gibt Momente, in denen sich Themen, die lange eher am Rand liefen, plötzlich ins Zentrum einer Debatte schieben. Die 11. Sitzung des Innovationsbeirats Sachsen am 22. März 2026 in Dresden war genau so ein Moment. Unter der neuen Vorsitzenden Veronika Grimm stand nicht nur die übliche Mischung aus Transformationspfaden, Innovationspolitik und Standortfragen auf der Agenda, sondern sehr ausdrücklich auch die Frage, welche Rolle Mikroelektronik für Sicherheit, Verteidigungsfähigkeit und Krisenresilienz spielen soll – und damit ganz konkret, welche Verantwortung ein Standort wie Sachsen in dieser Gemengelage übernimmt. Spätestens seit dieser Sitzung ist klar: Wer über Zukunftsfähigkeit Sachsens spricht, kommt um das Thema Verteidigung nicht mehr herum.
Parallel dazu häufen sich die Meldungen, die diese Verschiebung unterstreichen. GlobalFoundries baut mit SPRINT für 1,1 Milliarden Euro seine Dresdner Kapazitäten aus und nennt die Verteidigungsindustrie inzwischen offen als einen strategischen Kunden. X-FAB positioniert sich als verlässliche europäische Foundry für strahlungsharte Bauteile in Verteidigungs‑ und Raumfahrtanwendungen. Hensoldt schließt mit UMS einen langfristigen Liefervertrag ab und berichtet darüber öffentlich.
Und mit der „Declaration: Semiconductors – Key to Security and Defense Capabilities“ hat Silicon Saxony selbst ein Papier vorgelegt, das Halbleiter nicht mehr nur als Enabler von Wohlstand, sondern explizit als Basis sicherheits‑ und verteidigungspolitischer Handlungsfähigkeit beschreibt. Selbst auf der Münchner Sicherheitskonferenz tauchte das Thema inzwischen unter Überschriften wie „Silicon Statecraft“ auf. Man kann das beklagen – oder anfangen, es strategisch zu durchdenken.
Zivile Volumina, militärische Stärke
Wer ehrlich ist, muss zugeben: Die Verbindung von Mikroelektronik und Verteidigung ist weniger eine Frage der Sympathie als eine Frage der Systemlogik. Moderne Waffensysteme – von Aufklärungsdrohnen über Radarsysteme bis hin zu Führungs‑ und Kommunikationsinfrastruktur – bestehen heute mehr aus Silizium als aus Stahl. Der Anteil elektronischer Komponenten ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, und mit ihm die Abhängigkeit von komplexen, global verteilten Lieferketten. Gleichzeitig gilt: Militärische Stückzahlen allein tragen kein eigenständiges Halbleiterökosystem. Die Volumina, die Fabs auslasten und Investitionen rechtfertigen, entstehen in zivilen Märkten – in der Automobilindustrie, in der industriellen Elektronik, in Energie‑ und Kommunikationsanwendungen.
Gerade aus deutscher und sächsischer Perspektive ist das kein Nachteil, sondern ein Hebel. Wir werden aller Voraussicht nach auf absehbare Zeit keine global dominierenden KI‑Beschleuniger fertigen, aber wir verfügen mit Automotive‑ und Industrie‑Chips, Leistungselektronik und Sensorik über genau jene Segmente, die technologisch anspruchsvoll, langfristig gefragt und gleichzeitig hochgradig dual‑use‑fähig sind. Zivile Volumina schaffen hier die Voraussetzung dafür, dass sicherheits‑ und verteidigungsrelevante Anwendungen überhaupt kosteneffizient und verlässlich bedient werden können. Wer also glaubt, man könne Verteidigungspolitik und Halbleiterfertigung sauber trennen, verkennt die industrielle Realität: Dual Use ist keine rhetorische Figur, sondern betriebswirtschaftliche und technologische Notwendigkeit.
Souveränität ist mehr als ein Modewort
In vielen Papieren ist inzwischen von „technologischer Souveränität“ die Rede. Die entscheidende Frage lautet: Was heißt das konkret für ein Land wie Deutschland? Souveränität bedeutet nicht, jede Technologie in jeder Tiefe selbst zu beherrschen. Sie bedeutet, in kritischen Teilen der Wertschöpfungskette so viel Kontrolle zu haben, dass man im Krisenfall handlungsfähig bleibt – also nicht nur forschen, sondern auch produzieren, zertifizieren und integrieren zu können. Bei Halbleitern heißt das: Zugang zu Fertigungskapazitäten, die nicht über Nacht durch Exportkontrollen, Sanktionen oder geopolitische Spannungen wegbrechen können.
Genau hier liegt die strategische Chance für Standorte wie Sachsen. Mit den Werken von GlobalFoundries, Infineon, X‑FAB, Bosch und der SAW Components und einem dichten Umfeld an Forschungseinrichtungen und Designkompetenz – dasl Barkhausen Institut und Racyics seien hier explizit benannt – verfügt die Region über etwas, das anderswo in Europa erst mühsam aufgebaut werden muss: ein industrielles und wissenschaftliches Ökosystem, das vom Design bis zur Fertigung in relevanter Tiefe vorhanden ist. Wenn wir über Souveränität sprechen, dann geht es nicht um Autarkie‑Fantasien, sondern darum, diese vorhandenen Stärken so einzusetzen, dass sie im Ernstfall mehr sind als eine Fußnote in globalen Lieferketten.
Starke Programme, schwache Verzahnung
Auf der politischen Ebene ist in den vergangenen Jahren viel in Bewegung geraten. Der EU Chips Act, IPCEI AST, nationale Mikroelektronikstrategie, Forschungsprogramme wie FITS 2030 bzw. die HighTechAgenda, der European Defence Fund, neue Rechenzentrums‑ und Datenstrategien – das alles sind Bausteine, die man vor wenigen Jahren so nicht für möglich gehalten hätte. Aus der Distanz betrachtet, ergibt sich ein durchaus beeindruckendes Bild.
Schaut man genauer hin, bleiben Brüche und Lücken sichtbar. Der jüngste Rüstungsgipfel in Berlin hat gezeigt, dass Verteidigungsindustrie und Politik durchaus bereit sind, offen miteinander zu sprechen – die Halbleiterindustrie saß dort allerdings nicht mit am Tisch. Der Industrial Accelerator Act will Europas Industrie stärken, lässt Chips und KI aber weitgehend außen vor. Die nationale Rechenzentrumsstrategie denkt endlich groß in Richtung KI‑Rechenleistung und Cloud‑Infrastruktur, blendet jedoch die Frage aus, auf welchem Silizium diese Rechenzentren im Zweifel laufen sollen. Und eine rein auf COTS‑Komponenten ausgerichtete Beschaffungslogik bleibt so lange bequem, bis eine Krise Lieferketten abreißen lässt und plötzlich klar wird, dass „von der Stange“ nur funktioniert, solange der Laden offen hat.
Kurz gesagt: Die einzelnen Programme adressieren viele richtige Punkte, aber sie sind noch nicht darauf ausgelegt, Mikroelektronik, Sicherheit und Verteidigung als zusammenhängendes System zu denken. Aus Sicht eines Clusters wie Silicon Saxony ist das weniger Anlass zur Klage als ein Hinweis darauf, wo der nächste Schritt liegen muss.
Was heißt das für Silicon Saxony?
Für uns als Netzwerk ist das Thema damit weder erledigt noch delegierbar. Es stellt sich ganz konkret die Frage, wie wir mit dieser Entwicklung umgehen wollen. Dass es in der Community dazu unterschiedliche Haltungen gibt, ist nicht nur verständlich, sondern notwendig. Wer sich mit Verteidigung beschäftigt, muss keine Lust auf Rüstung haben. Aber er muss anerkennen, dass sich sicherheits‑ und verteidigungspolitische Fragen nicht mehr an den Rand schieben lassen, wenn die zugrunde liegenden Technologien aus unseren Reinräumen kommen.
Silicon Saxony bringt in diese Debatte einiges mit, was andernorts erst aufgebaut werden muss: eine gewachsene Fertigungsbasis, starke Design‑ und Forschungsakteure, internationale Vernetzung – und eine Mitgliedschaft, die bereit ist, auch unbequeme Themen auszuhalten und konstruktiv zu diskutieren. Genau das wird in den kommenden Jahren gefragt sein: nicht reflexhafte Abwehr oder naive Begeisterung, sondern eine nüchterne, informierte Auseinandersetzung damit, welche Rolle Mikroelektronik in Sicherheitsfragen spielt und wie wir diese Rolle verantwortungsvoll gestalten wollen.
Wie sehen Sie das? Gehört die offene Befassung mit Verteidigungsthemen heute zwingend zum Selbstverständnis eines Mikroelektronik‑Clusters – oder ziehen Sie an anderer Stelle eine rote Linie? Welche Erwartungen haben Sie an Silicon Saxony, wenn es um die Verbindung von Chips, Sicherheit und Souveränität geht? Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und Anregungen – gerade, weil das Thema nicht einfacher wird, wenn wir nicht darüber sprechen.