
Die Arbeit ist eine Initiative von INPACT!, einem 2023 gegründeten Netzwerk, das mehr als 120 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Innovationsfokus aus über 20 Ländern des Europäischen Forschungsraums zusammenbringt. Zu den Mitgliedern zählen zahlreiche vom Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) geförderte Forschende, darunter auch Prof. Max Lemme, CEO von AMO GmbH, Professor am Lehrstuhl für Elektronische Bauelemente der RWTH Aachen University und Mitautor des Beitrags
„Europas Innovationsstärke hängt von unserer Fähigkeit ab, vielversprechende Forschung von der ersten Entdeckung bis zur Anwendung zu begleiten. Dafür braucht es agile Institutionen, die Brücken zwischen Forschung und Anwendung schlagen, risikotolerante Finanzierung und klarere Anreize für Forschende, selbst zu Innovatorinnen und Innovatoren zu werden“, sagt Prof. Max Lemme.
Forschung und Innovation verbinden
Die Analyse konzentriert sich auf Horizon Europe, das Forschungs- und Innovationsprogramm der Europäischen Union für 2021–2027. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren greifen die verschiedenen Förderinstrumente noch nicht ausreichend ineinander, sodass Entdeckungen mit kommerziellem Potenzial an administrativen Schnittstellen ins Stocken geraten können – etwa zwischen ERC-Proof-of-Concept-Förderungen, die Forschenden helfen, praktische Anwendungen zu erkunden, und Programmen des Europäischen Innovationsrats (European Innovation Council, EIC) zur Unterstützung von Technologieentwicklung und Unternehmenswachstum.
Einer der zentralen Vorschläge ist, die ERC-Proof-of-Concept-Förderungen künftig im Europäischen Innovationsrat (EIC) zu bündeln, um einen durchgängigen Förderpfad von der wissenschaftlichen Entdeckung bis zur Markteinführung zu schaffen. Nach Ansicht der Autorinnen und Autoren könnte dies wiederholte Bewertungen reduzieren, Übergänge zwischen Programmen vereinfachen und die Unterstützung für Forschende und Investoren berechenbarer machen.
Die Autorinnen und Autoren fordern außerdem eine stärkere Unterstützung für frühphasige, risikoreiche Innovation. Die kombinierte jährliche Finanzierung der Programme EIC Pathfinder und Transition liegt derzeit bei rund 500 Millionen Euro, während ihre Programmmanagement-Kapazitäten im Vergleich zu fortgeschrittenen Forschungsagenturen in den Vereinigten Staaten begrenzt bleiben. Die Autorinnen und Autoren empfehlen, Ressourcen stärker auf bahnbrechende Innovationen auszurichten und unabhängigen Programmmanagerinnen und -managern mehr Handlungsspielraum einzuräumen, um vielversprechende Projekte zu begleiten.
„Europa steckt in einer Middle-Technology Trap: Wir sind auf reife Industrien wie Automobilbau und Industriemaschinen spezialisiert, während Zukunftssektoren wie KI und Biotechnologie zu klein bleiben. Um Europas Wettbewerbsfähigkeit und strategische Autonomie zu stärken, müssen wir die Pipeline von der wissenschaftlichen Entdeckung bis zum Markt neu aufbauen – indem wir die besten Ideen finanzieren und Forschende sowie Innovatorinnen und Innovatoren befähigen, die Durchbrüche von heute in die Hightech-Industrien von morgen zu überführen“, sagt Giorgio Presidente, Forscher am Institute for European Policymaking der Bocconi University, in Mailand (IT).
Einfachere Anträge und Unterstützung für exzellente, nicht finanzierte Projekte
Die Autorinnen und Autoren plädieren außerdem für kürzere Förderanträge und eine stärkere Fokussierung der Bewertung auf die Qualität der Idee und ihren potenziellen Nutzen.
Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, erfolgreiche Projekte auch dann weiter zu unterstützen, wenn sie trotz positiver Bewertung keine EU-Förderung erhalten. Dafür sollen nationale Förderagenturen mehrjährige Finanzierungszusagen ermöglichen. Damit würde der bereits über das Seal of Excellence genutzte Ansatz ausgeweitet.
Universitäten müssen Forschende als Innovatorinnen und Innovatoren anerkennen
Eine Reform der europäischen Forschungs- und Innovationsförderung allein reicht jedoch nicht aus, argumentieren die Autorinnen und Autoren. Auch Universitäten und Technologietransferstellen müssen Bedingungen schaffen, unter denen Forschende innovative Vorhaben vorantreiben können, ohne sich zwischen einer akademischen Laufbahn und Unternehmertum entscheiden zu müssen.
Der Beitrag empfiehlt eine stärkere Anerkennung von Unternehmertum in akademischen Laufbahnen, ein verbessertes Management geistigen Eigentums und klarere Wege zu Patenten, Industriepartnerschaften und Ausgründungen sowie einen besseren Zugang zu Mentoring und unternehmerischer Expertise.
Klarere Wege von der Forschung zur Innovation
Diese Reformen, betonen die Autorinnen und Autoren, würden Europas weiterreichende Herausforderungen bei Risikokapital, Regulierung und Unternehmensskalierung nicht allein lösen. Ein kohärenteres System, das wissenschaftliche Forschung, Technologieentwicklung und Unternehmertum miteinander verbindet, könnte Europa jedoch helfen, das wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenzial seiner starken Forschungslandschaft besser auszuschöpfen.
„Um mehr wissenschaftliche Entdeckungen in neue Technologien, Produkte und Dienstleistungen zu überführen, die den Markt erreichen, brauchen wir klarere Wege innerhalb unserer Institutionen – mit klar definierten Schritten, verlässlichen Zeitplänen und schlanken Verfahren. Wenn dieser Prozess einfacher und transparenter wird, können mehr Forschende ihr Wissen in Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen überführen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein stärkerer Fokus auf Innovation unseren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten neue Impulse geben, die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit angehen, verändern und uns ermöglichen kann, einen wichtigen Beitrag zur globalen Wettbewerbsfähigkeit Europas zu leisten und zugleich gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen“, sagt Amanda Silva Brun, Forschungsdirektorin am CNRS und eine der Hauptautorinnen des Beitrags.
Über das Policy Forum
Enhancing Europe’s Competitiveness by Empowering Researchers as Innovators erscheint in der Rubrik Policy Forum des Fachjournals Science. Der Artikel wurde vor der Annahme extern begutachtet und überarbeitet.
Der Beitrag ist eine Initiative von INPACT!, einem europäischen Netzwerk von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Innovationsfokus, das gegründet wurde, um Erfahrungen auszutauschen, Hindernisse für die Kommerzialisierung von Forschung zu identifizieren und Vorschläge zur Stärkung des europäischen Forschungs- und Innovationsökosystems beizutragen.
Bibliographische Information
Amanda K. A. Silva Brun, Giorgio Presidente, Mangala Srinivas, Valentina Cauda, Alberto Fernandez-Tejada, Christine L. Mummery, Rami I. Aqeilan, Thomas Thum, Mehmet C. Onbasli, Robert Colebunders, Gianni Ciofani, Davide Iannuzzi, Marios Avraamides, João T. Barata, Romana Schirhagl, Ana Cecília A. Roque, Luana Dessbesell, Chloé Dupuis, Marco Paggi, Kerstin Kinkelin, Gerard J. J. Boink, Antonella Bongiovanni, Kevin Braeckmans, Kerem Pekkan, Lorenzo Moroni, Twan Lammers, Xiao Xiang Zhu, Adriele Prina-Mello, Carlo S. Casari, Max C. Lemme, Thomas Wolbers, Achillefs N. Kapanidis, Erdem Yörk, Jan S. Kirschke, Philipp-Leo Mengel, Giulio Cerullo, Volker Hessel, Víctor A. de la Peña O’Shea, Aitziber L. Cortajarena, Frank Kirchhoff, Harald H. H. W. Schmidt, Imre Berger, Anne Houdusse, Edgar R. Gomes, Frederic Amant, Tambet Teesalu, Joan Ballester, Juan José Vilatela, Raymond M. Schiffelers, Fabrizio d’Adda di Fagagna, Roman Jerala, Cristina Canal, Sophie Demolombe, Gaetano Gargiulo, Giovanni Volpe, Andrea C. Ferrari, Daniel Gros, Clemens Fuest, Dario Polli, Enhancing Europe’s Competitiveness by Empowering Researchers as Innovators, Science Vol. 393, Issue 6818, pp. 1302-1304 (24 September 2026) DOI: 10.1126/science.ady2388
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Weiterführende Links
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Foto: pixabay