Die Teilnehmenden repräsentierten das gesamte niederländische Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Innovationsökosystem: von regionalen Verwaltungen und Wirtschaftsförderungen über Hochschulen, Berufsbildungszentren und Universitäten bis hin zu nationalen Bildungs- und Innovationsinitiativen.
Bildungssystem als Fachkräfte-Pipeline für die Mikroelektronik
Ziel des dreitägigen Besuchs war es, einen umfassenden Einblick in das sächsische Bildungs- und Qualifizierungssystem zu gewinnen, die unterschiedlichen Bildungswege kennenzulernen, die in die Halbleiterindustrie führen und sich über Strategien zur Fachkräftesicherung auszutauschen.
Dabei wurde deutlich: Die Vielfalt der Bildungsangebote in beiden Ländern ist gleichzeitig Stärke und Herausforderung. Sie ermöglicht flexible und individuelle Bildungswege in die Branche, die Orientierung ist für junge Menschen jedoch häufig nicht einfach. Umso wichtiger sind vielfältige Angebote zur beruflichen Orientierung.
Drei Tage durch das sächsische Bildungsökosystem
Der Besuch begann bei Silicon Saxony mit einer Einführung in das sächsische Mikroelektronik-Ökosystem. Bei verschiedenen Vorort-Besuchen lernte die Delegation zahlreiche Stationen der sächsischen Fachkräfte-Pipeline kennen:
Außerdem standen Gespräche bei der Bundesagentur für Arbeit und der Industrie- und Handelskammer Dresden auf dem Programm.


Fachkräftebedarf trifft auf demografische Herausforderungen
Ein zentrales Diskussionsthema war der europaweit steigende Fachkräftebedarf in der Halbleiterindustrie. Gleichzeitig stehen sowohl Deutschland als auch die Niederlande vor erheblichen demografischen Herausforderungen.
Die Gespräche zeigten, dass Bildungsinstitutionen in Sachsen bereits auf die neuen Anforderungen reagieren. Ein Beispiel ist die geplante neue Vertiefungsrichtung „Mikroelektronik“ im Elektrotechnik-Studiengang der Dualen Hochschule Sachsen in Bautzen. Dort studieren derzeit rund 160 junge Menschen Elektrotechnik; künftig sollen sie sich im fünften und sechsten Semester gezielt auf mikroelektronische Anwendungen spezialisieren können.
Einig waren sich die Teilnehmenden darin, dass die Qualifizierung künftiger Fachkräfte nur durch das Zusammenspiel vieler Akteure gelingen kann. Schulen, Berufsschulen, Hochschulen, Unternehmen, Weiterbildungseinrichtungen und Berufsorientierungsangebote bilden gemeinsam die erforderlichen „Puzzleteile“ einer erfolgreichen Fachkräftestrategie.

Praxisnähe als Erfolgsfaktor
Bei den Besuchen wurde deutlich, wie stark praktische Erfahrungen bereits während Ausbildung und Studium integriert sind.
Die HTW Dresden berichtete, dass rund 30 Prozent ihrer Studierenden Praktika, Abschlussarbeiten oder andere Qualifizierungsprojekte gemeinsam mit Unternehmen durchführen. Vorgestellt wurde u.a. der englischsprachige Einstieg in die Elektrotechnik-Studiengänge, bei dem internationale Studierende schrittweise Deutsch lernen. Nach Angaben der Hochschule wechseln mehr als die Hälfte dieser Absolventinnen und Absolventen später in die Halbleiterindustrie.
Auch die Duale Hochschule Sachsen verdeutlichte die Vorteile ihres Studienmodells. Die Studierenden sammeln während des gesamten Studiums praktische Erfahrungen bei ihrem Arbeitgeber. Aktuell studieren rund 4.300 junge Menschen an der DHSN, davon etwa 500 am Standort Bautzen.
Das Berufsschulzentrum Bautzen zeigte die Bedeutung beruflicher Bildung für die Region. Mit 93 Klassen, rund 1.600 Auszubildenden und über 100 Mitarbeitenden bildet es Fachkräfte für zahlreiche Unternehmen aus der Umgebung aus. Besonders stark vertreten ist die Ausbildung zum Mechatroniker, deren Absolventinnen und Absolventen unter anderem für Wartungs- und Instandhaltungsaufgaben in industriellen Produktionsumgebungen qualifiziert werden.

Internationale Perspektiven und Unterschiede
Der Austausch machte auch Besonderheiten der beiden Regionen sichtbar.
In den Niederlanden wird die internationale Fachkräftegewinnung seit Jahren gezielt durch öffentliche Programme unterstützt. So wird das International Talent Programme von Brainport Development unter anderem durch öffentliche Mittel der niederländischen Regierung finanziert. Auch das niederländische setzt stark auf die Gewinnung und Ausbildung internationaler Talente für die Halbleiterindustrie. Bis 2030 investieren nationale und regionale Akteure gemeinsam 2,51 Milliarden Euro in Infrastruktur, Wohnraum und Talententwicklung rund um den Brainport-Standort Eindhoven.
Beeindruckt zeigten sich die niederländischen Gäste von der engen Zusammenarbeit der Unternehmen im Silicon-Saxony-Netzwerk. Beispiele wie die Zusammenarbeit von vier Dresdner Fabs mit dem Fabmobil, die in Kooperation von fünf Fabs entstandene digitale Stele im Berufsinformationszentrum oder die Verbundaktivitäten zur Berufsorientierung zeigen, wie Unternehmen, Bildungseinrichtungen und regionale Akteure gemeinsam an der Nachwuchsgewinnung arbeiten.

Gemeinsame Herausforderungen bleiben
Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen beschäftigten beide Regionen ähnliche Fragestellungen.
Besonders intensiv diskutiert wurden:
- die Gewinnung von mehr Frauen für technische Berufe und Studiengänge,
- die frühzeitige Begeisterung junger Menschen für Technologie,
- die Gestaltung neuer Bildungsangebote für Zukunftstechnologien,
- sowie die Schwierigkeit, zukünftige Qualifikationsbedarfe präzise vorherzusagen.
Gerade Letzteres stellt Bildungsanbieter vor große Herausforderungen. Unternehmen sind wichtige Partner bei der Entwicklung neuer Studien- und Ausbildungsinhalte. Gleichzeitig fällt es vielen Organisationen schwer, konkrete Aussagen darüber zu treffen, welche Kompetenzen in fünf oder zehn Jahren benötigt werden. In Deutschland versucht diehier für mehr Aufklärung zu sorgen, Ergebnisse einer aktuellen Unternehmensumfrage werden am 3./4. März 2027 in Freiburg vorgestellt.

Fazit
Der Besuch der Delegation machte deutlich, dass Sachsen und die Niederlande vor ähnlichen Herausforderungen stehen: Die Halbleiterindustrie wächst, Fachkräfte werden dringend benötigt und Bildungssysteme müssen sich kontinuierlich weiterentwickeln.
Gleichzeitig zeigte der Austausch, dass beide Regionen voneinander lernen können. Während die Niederlande auf umfangreiche Talent-Attraction-Programme setzen, bietet Sachsen mit seinem eng verzahnten Netzwerk aus Unternehmen, Hochschulen, Berufsschulen und Bildungsinitiativen zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Kooperationen entlang der gesamten Fachkräfte-Pipeline.
Der Besuch hat damit nicht nur Einblicke in unterschiedliche Bildungssysteme ermöglicht, sondern auch neue Impulse für die gemeinsame Gestaltung der europäischen Fachkräfteentwicklung in der Halbleiterindustrie gegeben.
Vielen Dank an alle unseren sächsischen Partner, die ihre Türen für den Besuch geöffnet und im intensiven Austausch mit den Gästen ihre Einrichtungen und Aktivitäten vorgestellt haben!
