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Silicon Saxony: Handyverbote und KI-Unwissenheit – Bildungs- und Lebensrealität gehen getrennte Wege

28. August 2025. Die aktuelle Diskussion um Smartphoneverbote an Schulen fühlt sich nach einem Déjà-vu an. Eine Technologie verändert langsam, aber unaufhaltsam die Lebensrealität unserer Gesellschaft. Wenn sie schließlich die Gesellschaft durchdrungen hat, für alle – oder zumindest den Großteil von uns allen – erschwinglich und leistungsstark geworden ist, treten Befürchtungen, Sorgen, ja sogar Ängste auf. Der erste Reflex in dieser „unangenehmen neuen“ Situation, die zumeist lange absehbar war und die man nun steuern müsste, ist schließlich der Schrei nach einem Verbot. Wo aktuell der digitale Schuh in den Schulen tatsächlich drückt und wo die Reise für Deutschland hingehen könnte, haben wir in unserem Gesamtartikel zusammengefasst. Lesen Sie auch ein aufschlussreiches Interview mit Wolf Spalteholz aus unserer Software-NEXT. Gern auf Ihrem Handy oder aufbereitet durch das KI-Tool Ihrer Wahl.

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Symbolbild Handynutzung von Jugendlichen. Foto: pixabay

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Die einstigen Fehler im Umgang mit Taschenrechnern wiederholen sich

Als 1967 der erste Taschenrechner von Jack Kilby bei Texas Instruments entwickelt wurde, wollte niemand ahnen, was dieser in den kommenden Jahrzehnten an Veränderungen notwendig machen und an Diskussionen mit sich bringen würde. Als das Veränderungspotenzial für den Bildungsbereich und auch die Entwicklung in den Klassenräumen spät erkannt wurde, hieß es schließlich: „Die Schüler:innen würden durch dieses technische Hilfsmittel die Fähigkeit zum Kopfrechnen verlieren“. So geschehen in Deutschland und inmitten der 1970er Jahre. Taschenrechner wurden damals in den ersten sechs Schuljahren verboten. Die weitere Nutzung der Geräte in den höheren Alterstufen streng reglementiert. Als die Taschenrechner zur Mitte der 1980er Jahre grafikfähig wurden, verschlief man auch diese Entwicklung. 2017 durften diese leistungsfähigeren Taschenrechner nicht mehr an beruflichen Gymnasien eingesetzt werden. Ab 2019 schließlich auch an allgemeinbildenden Gymnasien nicht. Dass die neuen technischen Möglichkeiten nicht nur die Schulwelt, sondern längst auch die Lebens- und Arbeitswelt verändern hatten. Es wurde ignoriert. Dass neue Lehransätze und Lehrpläne eine Lösung hätten sein können? Pustekuchen. Es galt einen Status quo in der Bildung zu erhalten, der längst nicht mehr zeitgemäß war. Erkennen Sie die Parallele zu aktuellen Diskussionen und Verboten? Zu Künstlicher Intelligenz und Smartphones?

Das Handy und die KI als neue technologische Feindbilder im Bildungssektor

Als das erste Smartphone, der IBM Simon Personal Communicator, 1994 auf den US-Markt kam, ahnte niemand, welchen Siegeszug dieses schlaue Stück Technik antreten würde. Nun, 30 Jahre später und inmitten einer Gesellschaft, die kaum mehr ohne Smartphones und die inzwischen darin eingebetteten Künstliche Intelligenz-Systeme denkbar ist, hallt der nächste Aufschrei durch Deutschland. Zum Start des neuen Schuljahres haben Brandenburg, Bremen, Hessen, Schleswig-Holstein und Thüringen ihre Vorschriften verschärft und setzen verstärkt auf Handy-Verbote. Es dürften die ersten von weiteren Bundesländern sein, die, statt sich mit einer Technologie und deren Möglichkeiten aber auch deren Schattenseiten auseinanderzusetzen, lieber reflexartig auf deren Verteufelung setzen. Es ist ein bekanntes Konzept, das den Fortschritt hemmt und eine neue Lebensrealitäten zu ignorieren versucht. Zumindest temporär. Man macht sich Sorgen um Lernfortschritte, soziale, aber auch fachliche Kompetenzen, die die „neuen“ Technologien be- oder sogar verhindern würden. Dass man schlicht eine gesellschaftliche Entwicklung verschlafen und nie in den Bildungssektor integriert bekommen hat, wird außen vor gelassen. Nun, da die Zeit drängt und Veränderungen unausweichlich erscheinen, soll ein Verbot die notwendige Ruhe für Anpassungen schaffen. 

Sachsen macht die Handy-Hexenjagd nicht mit

Dass sich der Freistaat Sachsen nun auch an dieser technologischen Hexenjagd und bildungstechnischen Prokrastination beteiligt, ist bedauerlich. Es wäre wünschenswert, wenn in ganz Deutschland eine andere Herangehensweise vorgezogen werden und man sich tatsächlich intensiv mit neuen Lehr- und Lernkonzepten beschäftigen würde – auf Länder- und Bundesebene. Sachsen macht hier abseits des aktuellen Vorstoßes viele Dinge richtig. Nicht umsonst steht der Freistaat an der Spitze des bundesdeutschen Bildungssystems. Pisa hat es nachgewiesen. Es wäre auch hier mehr möglich. Man sollte erkennen, dass Smartphones als elektronische Endgeräte nicht schädlicher wirken, als es PCs, Tablets oder jene einst verbotenen Taschenrechner sind. Dass Künstliche Intelligenz die Art zu lernen, aber auch zu lehren verändert ebenso. Beide Technologien sind Teil unserer Lebens- und Arbeitswelt. Sie spielen inzwischen sogar eine nicht wegzudenkende Rolle. Welches Signal setzen Bundesländer, die diese Technologien im Bildungsbereich verteufeln, wenn die Bildung doch den Auftrag hat, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene für eine Zukunft inmitten genau dieser Technologien vorzubereiten?

Kluge Köpfe arbeiten in Sachsen seit Jahren an neuen Lehr- und Lernkonzepten 

Im vergangenen Jahr führte Silicon Saxony ein NEXT-Interview mit Wolf Spalteholz, einem Lehrer im Hochschuldienst und Lehrkraft am Zentrum für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung (ZLSB). In dieser Rolle begleitet Herr Spalteholz u.a. Studierende des Lehramtes bei schulpraktischen Übungen (SPÜ). In seiner Arbeit für die Lehrplan-Kommission und als aktiver Fachberater geht es für den engagierten Pädagogen z.B. um die Weiterentwicklung des Faches Informatik und die Förderung digitaler Kompetenzen in unserem Bildungssystem – von der Grundschule bis zum Studium. Und das nicht nur für all die sächsischen Schüler:innen. Auch die angehenden und bereits berufstätigen Lehrer:innen Sachsens gilt es bei diesem Thema mitzunehmen, vorzubereiten und mit den nötigen Werkzeugen, Fähigkeiten und Lehransätzen auszustatten. Dass dies inmitten des Lehrkräftemangels und einer unangenehmen Sparpolitik im Bildungssektor nicht leicht ist, bleibt unbestritten. Doch kluge Köpfe wie jener Herr Spalteholz haben die bestehenden Probleme bzw. deren mögliche Lösung längst erkannt. Es wird bereits an neuen Lehr- und Lernkonzepten gearbeitet, wie auch unzählige engagierte Lehrkräfte an unseren Bildungseinrichtungen seit Jahren neue gesellschaftliche und technologische Entwicklungen in ihre Arbeit integrieren. Diese Bemühungen zu unterstützen, sie zu bündeln und über alle Schulformen bzw. Bundesländer hinweg nutzbar zu machen, wäre hilfreich. Pauschale Verbote auszusprechen und lästige Probleme in die Zukunft vertagen zu wollen, ist hingegen wenig sinnvoll. 

Digitalisierungsbezogene Kompetenzen als Wunsch statt als gelebte Wirklichkeit

Mit Wolf Spalteholz blickten wir u.a. auf den Bereich der digitalisierungsbezogenen Kompetenzen – zu dem auch der Einsatz von digitalen Endgeräten und technologischen Tools gehört. Schon damals waren auf Beschluss des sächsischen Kultusministeriums digitalisierungsbezogene Kompetenzen eine Querschnittsaufgabe aller Fächer – also nicht nur der Informatik. Herr Spalteholz wünschte sich, dass „die Lücke zwischen dem politischen Bekenntnis zu mehr Digitalisierung in der Schule bzw. zu digitalisierungsbezogenen Kompetenzen in allen Fächern und dem, was wir an institutionellen, an personellen und auch an materiellen Ressourcen in der Schule zur Verfügung haben“ geschlossen werden würde. Es geschah jedoch zu wenig. In vielen anderen Bundesländern leider gar nichts. 

2024 und in unserem Interview stand u.a. das Beispiel der Künstlichen Intelligenz (KI) im Fokus. Schon damals wurde gefragt: „Welche Aspekte von KI übernimmt man verbindlich und dauerhaft in die Lehrpläne? Welche Aspekte davon überlässt man den Lehrkräften zur freien Entscheidung?“.  Auch hier galt es, die Balance zwischen engagierten und weitestgehend frei agierenden Lehrkräften, den Bundesländern und einem verbindlichen Lehrplan zu finden. Eine Aufgabe, die seither zwar von Experten wie Wolf Spalteholz und teilweise auf Länderebene weiterbearbeitet wurde, aber wie die aktuelle Diskussion um den Einsatz von Handys und Künstlicher Intelligenz an Schulen zeigt, nicht sinnstiftend auf bildungspolitischer und gesellschaftlicher Ebene für ganz Deutschland. 

Handyverbote und vage Äußerungen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz 

Vor einer Woche erklärte Bundesbildungsministerin Karin Prien nun: „Künstliche Intelligenz bietet die Chance zum Beispiel für ein deutlich verbessertes, individualisiertes Lernen, es bietet zum Beispiel auch große Chancen, um Kinder mit Förderbedarf besser unterstützen zu können“. Der Einsatz von KI als Lernmittel könne auch bei der Entlastung von Lehrkräften helfen. Sie forderte die Entwicklung neuer Aufgabenformate, die die Verwendung von KI erlauben. Es gebe Prüfungsformate, für die ein Taschenrechner verwendet werden dürfe und welche, die ohne das Hilfsmittel auskommen, erklärte sie. „Und so wird es natürlich auch mit Künstlicher Intelligenz sein“. Dafür bedürfe es aber anderer Aufgabenformate. Es sei Ländersache, diese Aufgaben zu entwickeln. Sie empfehle, dies „gemeinsam zu tun, wo es Sinn macht“. Alles richtig. Alles wichtig. Besser spät als nie, mochte man denken. Nur warum nutzt ein Bundesbildungsministerium dafür nicht seine vermittelnde Rolle und beteiligt sich mit konkreten Vorschlägen und ausreichenden Ressourcen?

Der Anfang einer Diskussion, die schnellstmöglich Ergebnisse erzeugen muss

Mit Beginn des neuen Schuljahres geht nun z.B. Mecklenburg-Vorpommern mit dem Handlungsleitfaden „Gemeinsam die Welt der generativen KI-Systeme erkunden“ in die Zukunft. Es ist ein Pilotprojekt, das auf die Entlastung von Lehrer:innen zielt. Ein wichtiger Ansatz, doch längst nicht die einzige Notwendigkeit. Auch bundesweit greift dieser Ansatz zu kurz. Denn wie sollen all die anderen Bundesländer jetzt, inmitten des Schuljahres, sich zeitnah neu ausrichten? Wo erhalten Lehrer:innen und Schulen die Freiräume und finanziellen Möglichkeiten, sich hier zu verändern? Sollte es nicht auch um neue Lernansätze und Lehrinhalte für die Schüler:innen gehen? Die Diskussionen um diese Themen und Fragestellungen haben gerade erst begonnen. Leidtragende sind all die Schüler:innen, die wohl erneut ein Schuljahr erleben, in dem mit KI-Skepsis auf erbrachte Lernleistungen geblickt wird und bei Nutzung eines Handys sofort der Betrugsverdacht im Raum steht. Ein Schuljahr, in dem erneut die Lehr- und Lernrealität nicht mit der Lebensrealität einhergeht. Und das ist schade.

Unser Fazit

Technologie, ob Smartphone oder Künstliche Intelligenz, bietet immer Risiken, aber auch Chancen. Mit beiden Ausprägungen gilt es sich zu beschäftigen und die bestmöglichen Umsetzungsvarianten für eine moderne und spannende Bildung – von der Grundschule bis zum Studium – zu finden. Lehrer:innen müssen in die Lage versetzt werden, Lehr- und Lerninhalte mit aktuellen und den Schüler:innen zur Verfügung stehenden Technologien und Tools interessanter und abwechslungsreicher zu gestalten. Hierfür bedarf es Zeit, Geld und Unterstützung durch externe Expertise. Es gilt Lehrpläne zu entwickeln, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit der tatsächlichen Lebens- und Arbeitswirklichkeit vertraut machen. Sowohl Handys als auch die Künstliche Intelligenz nehmen in beiden Bereichen eine immer wichtige Rolle ein, sind sowohl für Wirtschaft und Industrie zentrale Hilf- bzw. Arbeitsmittel. 

Diese Realität muss sich auch im Bildungsbereich wiederfinden und gehört in Lehrpläne und Schulkonzepte integriert. Nur was erklärt, mit Sinn versehen und auf Bildungsebene in die tägliche Nutzung überführt wird, kommt auch in Form bestens ausgebildeter und mündiger Fachkräfte im Arbeitsmarkt an. Gerade wenn man die Potenziale von Technologien hebt und diese in den Bildungsalltag einbindet, man sich bewusst auch den Risiken stellt und diese offen im täglichen Miteinander diskutiert, entwickelt man mündige Bürger:innen und wertvolle Fachkräfte. Wer Technologien hingegen verteufelt, deren Möglichkeiten unbetrachtet lässt und die Auseinandersetzung u.a. mit Handy und Künstlicher Intelligenz in den Privatbereich oder sogar in eine Verbotszone verschiebt, muss sich nicht wundern, wenn Unwissen und Missbrauch übernehmen. Statt auf die kommenden Generationen zu schimpfen und sie allein zu lassen, sollten wir alle beginnen, unserer Verantwortung nachzukommen. Denn nicht Technologien und Tools erzeugen dummes Handeln, sondern allein Unwissenheit. 

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Weiterführende Links

👉 Interview mit Wolf Spalteholz 
👉 Handys an Schulen: „Keine reflexartigen Verbote“
👉 Strengere Handyregeln zum Unterrichtsstart 
👉 Kinderhilfswerk stellt sich gegen Handyverbot an Schulen
👉 Prien will Einsatz Künstlicher Intelligenz an Schulen fördern
👉 Chancen von Künstlicher Intelligenz in der Schule nutzen

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Das Interview mit Wolf Spalteholz ist im Rahmen der NEXT „Im Fokus: Software“ entstanden.

👉 Zur Gesamtausgabe des Heftes

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