
„Die fetten Jahre sind vorbei. Die Jobs liegen nun nicht mehr auf der Straße. Denn aus einem Arbeitnehmermarkt ist inzwischen wieder ein Arbeitgebermarkt geworden“. Eine Kakofonie an Floskeln, die für Jobsuchende und Wechselwillige niederschmetternd klingt. Nach Jahren des Überflusses, des Wachstums und des ewig gleichen Mantras eines Fachkräftemangels hat sich der Wind gedreht, wie Statistiken, aber auch die stetig sinkende Anzahl an Stellengesuchen zeigen. Die Menge der unbesetzten Jobs hat sich branchenübergreifend und im Vergleich zur Hochzeit des Fachkräftemangels 2022 halbiert. Es werden zudem so wenig neue Stellen gemeldet wie nie zuvor. Nachbesetzung ist weiterhin ein Thema, Neuanstellungen sind es leider momentan kaum. Auch in Sachsen und in den Silicon Saxony Branchen – dem Mikroelektronik- und IKT-Sektor – unterstreichen die Statistiken der vergangenen beiden Jahre diesen Trend. Nach einem anhaltenden Wachstum von rund 5.000 neuen Stellen pro Jahr (seit dem Krisenjahr 2009) kehrte Stagnation ein. Seit 2024 verweilt die Zahl der sozialversicherungspflichtig angestellten Beschäftigten in Sachsens Hightechbranche konstant bei 81.000. Verrentungen und weitere Abgänge werden kompensiert. Neu eingestellt wurde nur noch punktuell. Das könnte sich jedoch bald ändern – zumindest in der Region Silicon Saxony. Doch dazu später mehr.
Nachbesetzungen sind Pflicht, Neubesetzungen leider nicht
Erste Prognosen gehen bereits 2026 von einer deutlichen und allgemeinen Erholung des Arbeitsmarktes aus. Denn erstmals treten weniger Menschen in den Arbeitsmarkt ein, als ihn verlassen. Andere Analysen sehen vorerst eine anhaltende Umverteilung oder Umorientierung am Arbeitsmarkt. Mit der zunehmenden Abwanderung einzelner Industriesparten, z.B. dem Automotive-Sektor, fallen Jobs weg. Mit dem Wachstum anderer Industriebereiche, z.B. dem Verteidigungssektor, werden aber auch wieder neue Bedarfe in ähnlichen Bereichen aufgebaut. In der Dienstleistung, wie z.B. der Pflege, werden einerseits dringend Arbeitskräfte gesucht. Bereiche wie Marketing oder HR rücken dafür zunehmend auf die Streichlisten von Unternehmen. Es ist eine wilde Gemengelage mit vielen Wenn und Abers. Auch im Bereich der Silicon Saxony Branchen scheint es teilweise verwirrend. Großen Entlassungswellen, z.B. bei Softwareunternehmen, folgen Einstellungszyklen der gleichen Unternehmen – allerdings mit anderem technologischem Profil. Künstliche Intelligenz ist hier der bestimmende disruptive Faktor. Personal ohne notwendige KI-Kompetenz muss Personal mit hilfreichem KI-Knowhow weichen. Aufgrund der beschränkten Verfügbarkeit dieser Personengruppe wird in diesem Bereich dann auch schnell wieder von einem Fachkräftemangel berichtet.
Die Silicon Saxony Branchen werden zum wichtigen Stabilisator des Jobmarktes
Es bleibt unübersichtlich, soviel steht fest. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist: KI ersetzt definitiv keine Menschen. Das Wissen über sie wird allerdings zu einem zentralen Einstellungs- oder Weiterbeschäftigungskriterium, so ehrlich muss man sein. Doch auch abseits derartiger Umstrukturierungen gibt es aktuell Chancen und Bedarfe, neu oder anders beruflich durchzustarten. Ein Eindruck, der sich am vergangenen Wochenende im Rahmen der KarriereStart – der sächsischen Bildungs-, Job- und Gründermesse – festigte. Die Hallen der Messe Dresden waren in diesem Jahr brechend voll. Unternehmen und Institutionen aus zahlreichen Branchen zeigten: der Markt für Arbeitskräfte lebt. Er hat sich allerdings stark gewandelt. Auch Silicon Saxony war mit einem eigenen Gemeinschaftsstand vor Ort, in Halle 1 umringt von zahlreichen kleinen, mittleren und großen Mitgliedsunternehmen unseres Netzwerkes. Denn eben jene bereits angesprochene Erholung des Arbeitsmarktes zeichnet sich gerade in Sachsen und der hiesigen Hochtechnologiebranche ab. Unternehmen wie GlobalFoundries, Infineon und ESMC – also Halbleiterhersteller des Standortes – bauen ihre Standortpräsenz derzeit teils massiv aus oder stellen sich hier komplett neu auf. Entsprechend groß ist der Bedarf an Fachkräften, speziell für den Bereich Produktion. Es winken attraktive Stellen mit exzellenter Vergütung für Expert:innen, aber auch Quereinsteigende. Darüber hinaus ist die IKT-Branche hervorragend aufgestellt, wird wohl auch 2026 zu einem Stabilisator des Arbeitsmarktes.
IKT-Branche baut 2026 Stellung als beschäftigungsstärkster Industriebereich weiter aus
245 Mrd. Euro Umsatz soll die IKT-Branche laut einer Bitkom-Prognose in diesem Jahr erwirtschaften. Das wären 4,4 Prozent mehr als noch 2025. 11.000 neue Jobs sollen in diesem Bereich zudem deutschlandweit entstehen, was die Position der IKT-Branche als größten industriellen Arbeitgeber (noch vor den Bereichen Automotive und Maschinenbau) weiter stärkt. Es verwundert daher kaum, dass sowohl auf der KarriereStart (25. – 27. Januar) als auch bei Events wie dem „Branchentreff Mikro- und Optoelektronik an der TU Dresden“ (22. Januar) das Interesse an den Jobs der Silicon Saxony-Mitglieder und -Branche riesig ist. Zukunftssicher, abwechslungsreich und mit besten Leistungen versehen, ist der Mikroelektronik- und IKT-Bereich nicht erst seit gestern ein äußerst begehrtes Arbeitsfeld. Umso wichtiger ist es, endlich eine tragfähige Lösung für das seit langem diskutierte Ausbildungszentrum für die sächsische Halbleiterindustrie zu finden und sowohl eine Klarheit über den Standort als auch die Bedingungen für potenzielle Träger zu schaffen.Generell gilt es – und das nicht nur in Sachsen – die Ausbildungsmöglichkeiten für die IKT-Branche noch stärker zu platzieren und auszubauen. Darüber hinaus müssen auch in diesem Bereich die Bürokratie abgebaut, neue Anreize für Ausbildungs-, Studien- und Jobsuchende geschaffen und so die Weichen für diesen Fels im Arbeitsmarkt gestellt werden. Ein Austausch der Branchen auf Bundesebene kann dabei nur hilfreich sein, so wie beim Microtec Academy Forum im März in Dortmund, bei dem es u.a. auch um die Neuordnung der Ausbildungsverordnung für Mikrotechnologie und die kooperative Nutzung von Reinräumen gehen soll.
So gut und wichtig die Förderung der Mikroelektronik-Branche für Deutschland und Europa ist, so wichtig ist auch das damit verbundene Thema der Fachkräftebeschaffung und -sicherung. Nicht alles lässt sich über die Beschäftigung von Quereinsteigenden und die damit verbundenen unternehmensinternen Weiterbildungsprogramme kompensieren. Auch der Ausbau von Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten wird zum Erfolgsfaktor dieser europäischen Schlüsselbranche. Ein Fakt, der sich noch stärker in den Bemühungen aller beteiligten Partner widerspiegeln muss. Seit langem angekündigte Projekte wie das Sächsische Ausbildungszentrum Mikroelektronik gilt es, entsprechend anzugehen und nicht weiter zu verschlafen.
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Weiterführende Links
👉 SPARK-Projekt des LJBW
👉 Silicon Saxony Gemeinschaftsstand auf der Job-, Ausbildungs- und Gründungsmesse KarriereStart
👉 Branchentreff Mikro- und Optoelektronik an der TU Dresden
👉 Microtec Academy Forum
Foto: GlobalFoundries