Deutschland erlebt gerade seinen vielleicht spannendsten Technologiesprung seit der Erfindung des Mikrochips – und mittendrin steht die Quantenforschung. Mit der nationalen Quantenstrategie in Berlin, der „Quantum Europe Strategy“ in Brüssel und Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, Sensorik und Quantenkommunikation rückt eine Frage in den Mittelpunkt: Gelingt es diesmal, aus exzellenter Forschung auch industrielle Stärke und echte Souveränität zu formen?

München spielt dabei klar in der ersten Liga. Das Munich Quantum Valley (MQV), getragen unter anderem von TUM, LMU, FAU, Max-Planck- und Fraunhofer-Gesellschaft sowie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, ist als europaweit beachtetes Quanten-Ökosystem mit dreistelligen Millionenbeträgen aus der Hightech Agenda Bayern und Bundesmitteln aufgebaut worden. Ziel ist ein vollständiges Umfeld für „Quantencomputer made in Bavaria“ – von Spitzenforschung über Start-up-Förderung bis zu spezialisierten Ausbildungsprogrammen.

Wie erfolgreich München dabei bereits ist, zeigt der diesjährige Technologietransferpreis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Ausgezeichnet wurden Munich Quantum Valley e.V., QuantumDiamonds GmbH und die TUM School of Natural Sciences für Quantensensorik, die kleinste Magnetfelder und Ströme in integrierten Schaltkreisen sichtbar macht und damit Fehleranalyse sowie Messtechnik in der Halbleiterfertigung auf ein neues Niveau hebt. Die Technologie erlaubt zerstörungsfreie Inspektion komplexer Chip-Architekturen und wird schon heute mit großen Halbleiterherstellern weltweit pilotiert.

Gerade daran zeigt sich, dass Quanten- und Halbleiterwelt kein Entweder-oder sind: Moderne Quantensensorik und Quantencomputer basieren auf derselben hochpräzisen Fertigungs‑, Material‑ und Reinraumkompetenz, die Europa über Jahrzehnte in der Mikroelektronik aufgebaut hat. Ohne ein starkes, innovationsfähiges Mikroelektronikökosystem wird es daher auch kein starkes, global wettbewerbsfähiges Quantenökosystem geben – beide Technologien verstärken sich gegenseitig.

Dazu passt das nächste Signal aus München: QuantumDiamonds investiert 152 Millionen Euro in den Aufbau der weltweit ersten Produktionsstätte für quantenbasierte Chip-Inspektionssysteme in der bayerischen Landeshauptstadt. Diese Fabrik wird mit zweistelligen Millionenbeträgen durch Bund und Freistaat im Rahmen des European Chips Act gefördert und explizit als Beitrag zur europäischen Technologiesouveränität und zum Ziel verstanden, den europäischen Halbleiteranteil bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Auch wenn, wie Sie als regelmäßiger Leser bzw. Leserin des Newsletters wissen, das 20-Prozent-Ziel unrealistisch ist, darf man sagen: In München wird an der Messtechnik für die nächste Chipgeneration gebaut – mit europapolitischem Rückenwind.

Wer auf die deutsche Quantenlandkarte schaut, sieht aber längst kein Ein-Standort-Bild mehr. In Berlin formiert sich mit BERLIN QUANTUM eine Initiative von Universitäten, Forschungsinstituten, Wirtschaft und Senat, die die Hauptstadt als global sichtbaren Knotenpunkt für Quantenphotonik und Quanteninformation etablieren soll – inklusive eigenem Hub in Adlershof und zweistelligen Millionenbeträgen aus dem Landeshaushalt. Parallel baut die DLR Quantum Computing Initiative Innovationszentren in Hamburg und Ulm auf, in denen mehrere Prototyp-Quantencomputer und Fertigungsprozesse entwickelt werden; Hamburg gilt bereits als einer der aktivsten nationalen Hubs mit mehreren Systemen für Anwendungen in Mobilität, KI, Materialwissenschaft und Cybersicherheit. Hinzu kommen Schwergewichte wie das Forschungszentrum Jülich, das an der gesamten Wertschöpfungskette von Quantencomputern arbeitet und Baden-Württemberg kann unter anderem mit dem IBM Quantum Data Center in Ehningen punkten.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Widerspruch, wenn man mit Respekt und Freude nach München und zu anderen Hotspots blickt – und sich gleichzeitig in Sachsen selbstbewusst nicht verstecken muss. Mit dem Netzwerk „Quantum Saxony“ (SAX-QT), getragen unter anderem von Fraunhofer IPMS, IWU und mehreren Hochschulen, wird gezielt an Quantenmaterialien, Sensorik und Quantencomputing gearbeitet, immer mit Blick auf Transfer in reale Mikroelektronik‑, Maschinenbau‑ und Produktionsanwendungen. Sachsen ist damit ein zweiter starker Quantenpol im Land, eingebettet in eines der dichtesten Halbleiter- und IKT-Ökosysteme Europas.

Ein besonders plastisches Beispiel liefert das Leipziger Start-up SaxonQ. Es entwickelt mobile Quantencomputer auf Basis von NV-Zentren in Diamanten, die bei Raumtemperatur ohne Kryotechnik funktionieren und kompakt genug sind, um in Fahrzeugen eingesetzt zu werden. Bereits 2022 wurde ein solcher mobiler Quantencomputer beim Silicon Saxony Day am Flughafen Dresden erstmals öffentlich demonstriert – dokumentiert unter anderem durch Berichte und Bilder aus der Community. Heute läuft ein SaxonQ-System als einer der ersten transportablen Quantencomputer bei Raumtemperatur im Dresdner Institutsteil des Fraunhofer IWU, steht dem sächsischen Forschungsnetzwerk SAX-QT zur Verfügung und wird für Industrie‑4.0‑Anwendungen in der Produktion erprobt.

Auch im Bereich Nachwuchs und gesellschaftliche Verankerung ist man gut positioniert. Das an der TU Dresden koordinierte Verbundprojekt QUARKS („All About QUARKS“) wird vom BMBF mit über 4,4 Millionen Euro gefördert und verfolgt das Ziel, Quantentechnologien über Schulen, Hochschulen, Ausbildungsträger, Maker-Spaces und ein eigenes Informationsportal in die Breite zu tragen. In einer Zeit, in der alle Quanten-Hubs händeringend nach Talenten suchen, ist diese Kopplung von Hightech und MINT-Bildung ein Standortvorteil – und ein Modell, das sich auch Berlin, Hamburg oder München anschauen können.

Dazu passt, dass die TU Dresden gerade gestern Ihren Status als Exzellenzuniversität erneut bestätigen konnte – herzlichen Glückwusch an dieser Stelle auch dazu!

Blick nach USA und China: Das globale Benchmark

Wer verstehen will, warum es auf Zusammenarbeit und kritische Masse ankommt, muss nur den Blick nach außen richten. Die USA koordinieren ihre Aktivitäten seit 2018 über den National Quantum Initiative Act, der Milliarden für Forschungszentren bei DOE, NSF und NIST bereitstellt. Mit der aktuell diskutierten Reautorisation wird das Programm bis 2034 verlängert und stärker auf Anwendungen, Industriepartnerschaften und internationale Kooperation mit Verbündeten ausgerichtet. Zugleich treiben Konzerne wie Google, IBM, Microsoft oder Amazon mit eigenen Roadmaps in Quantencomputing und Quanten-Cloud die Skalierung voran – flankiert von NIST-Programmen für quantensichere Kryptografie.

China verfolgt einen anderen, stark staatsgetriebenen Ansatz – aber mit ebenso hohen Ambitionen. Mit Milliardeninvestitionen in das Nationale Labor für Quanteninformationswissenschaften in Hefei, geschätzten bis zu 10 Milliarden US‑Dollar, und einem langjährigen Fahrplan für Quantenkommunikation, -computer und -sensorik wird ein eigener, weitgehend autarker Stack aufgebaut. Über den Quanten­satelliten „Micius“, den Nachfolger „Jinan‑1“ und ein über 10.000 Kilometer langes Glasfaser‑Backbone hat China das weltweit größte integrierte Quantenschlüssel‑Verteilnetzwerk aufgebaut – mit dem langfristigen Ziel eines globalen, weltraumgestützten quantengesicherten Kommunikationsnetzes. In vielen Einschätzungen gilt: Die USA führen noch bei Quantencomputern und Teilen der Sensorik, China liegt bei Quantenkommunikation vorn – insgesamt ein Kopf‑an‑Kopf‑Rennen mit erheblichen sicherheits‑ und industriepolitischen Implikationen.

Kritische Masse nur durch Zusammenarbeit

Vor diesem Hintergrund wäre es kurzsichtig, wenn deutsche und europäische Quanten-Hubs vor allem in Konkurrenz zueinander denken würden. Weder München noch Berlin, Hamburg, Jülich oder Sachsen werden allein die kritische Masse erreichen, um technologisch und industriell mit den gewaltigen Ökosystemen in den USA und China mitzuhalten. Erst das Zusammenspiel – gemeinsame Roadmaps, abgestimmte Pilotlinien, interoperable Software‑Stacks, abgestimmte Bildungsprogramme und eine kluge Verknüpfung mit europäischen Initiativen wie Quantum Flagship, Chips Act und der Quantum Europe Strategy – erzeugt jene Dichte, die international sichtbar und relevant macht.

In diesem Sinne sind Munich Quantum Valley, Quantum Saxony, BERLIN QUANTUM, die DLR‑Initiativen in Hamburg und Ulm sowie die Aktivitäten in Jülich und Ehning keine Rivalen, sondern Bausteine eines einzigen, verteilten „Quanten-Standorts Deutschland“ innerhalb eines noch größeren europäischen Netzwerks. Die USA diskutieren bereits explizit eine internationale Quantum‑Kooperationsstrategie mit Partnern; für Deutschland und Europa heißt das: Wer global mitreden will, muss zuerst national und europäisch die Hausaufgaben in Sachen Vernetzung und Koordination machen – und kann dann auf Augenhöhe transatlantische und internationale Allianzen eingehen.

In diesem Sinne, mein Name ist Bösenberg, Frank Bösenberg, und ich sehe mehr als ein Quantum Trost. Vielen Dank fürs Lesen!